Blickwinkel

Klares Ja zur Unabhängigkeit

INTERVIEW mit Dr. Harald Stauder

 


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Dr. Harald Stauder, Bürgermeister der Marktgemeinde Lana

Dr. Harald Stauder (48) ist amtierender Bürgermeister von Lana – einer der größten Gemeinden des Burggrafenamtes. Mit BG online spricht der Mandatar der Südtiroler Volkspartei unter anderem über seine eigenen Erfahrungen mit Unabhängigkeitsreferenden, die doppelte Staatsbürgerschaft und den Erhalt der Südtiroler Identität.

BG online: Was reizt Sie an dem Amt des Bürgermeisters in Lana?

Dr. Harald Stauder: Als Bürgermeister von Lana – einer der schönsten Gemeinden Südtirols – hat man sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten. Durch die Weiterentwicklung der gefestigten Strukturen und die Öffnung zu diversen Initiativen kann die Gemeinde zukunftsfähig werden.
Die Gemeinde Lana ist eine der ersten Gemeinden außerhalb Österreichs, welche sich am Projekt „Vielfalt Leben“ beteiligt und die erste Gemeinde Südtirols, welche an der EU-weiten Initiative „majors adapt“ beigetreten ist.
Wie man sieht, kann man im Amt des Bürgermeisters viel bewegen. Dies ist eine spannende und sehr reizvolle Aufgabe, die mich auch dazu bewogen hat bei den anstehenden Wahlen erneut für dieses Amt zu kandidieren.

BG online: Südtiroler Volkspartei – Was sagt dieser Terminus aus? Ist die SVP noch Partei des Südtiroler Volkes?

Der Name Südtiroler Volkspartei ist natürlich historisch zu verstehen. Zum Zeitpunkt der Gründung im Jahre 1945 bestand die Notwendigkeit – ich sehe diese auch heute noch, allerdings nicht in dieser Intensität – das Südtiroler Volk zu einigen und gemeinsam aufzutreten.


Die  SVP ist immer noch Vertreter des Südtiroler Volkes, aber nicht mehr die Alleinvertretung.


Aufzutreten zum einen gegen die Südtiroler Gegner, welche vor allem im Süden zu finden waren, denn der Geist des Faschismus blieb auch im demokratischen Italien noch lange wach. Zum anderen das Südtiroler Volk nach außen hin international beim ursprünglichen Ruf nach Selbstbestimmung und beim Kampf um die Autonomie im demokratischen Spektrum zu vertreten.
Deshalb der Begriff Südtiroler Volkspartei und die Eigendefinition der SVP als Sammelpartei der deutschen und ladinischen Südtiroler.
Als Partei mit mehr als 60% der Wählerstimmen der deutschen und ladinischen Bevölkerung die große Partei der Südtiroler. Es sind jedoch mittlerweile nicht mehr alle Gruppierungen vertreten, da das politische Spektrum breiter geworden ist. Meines Erachtens wurde in letzter Zeit zu wenig der volkstumspolitische Aspekt berücksichtigt, wodurch beispielsweise ehemalige Parteimitglieder wie Eva Klotz und Pius Leitner der SVP den Rücken gekehrt haben. Die SVP ist immer noch Vertreter des Südtiroler Volkes, aber nicht mehr die Alleinvertretung, wie sie es ursprünglich war.

BG online: Wo sehen Sie die Stärken und Schwächen des Burggrafenamtes?

Die Stärke des Burggrafenamtes ist sicherlich in seinem Standort zu finden. Die MeBo stellt eine gute Verkehrsverbindung dar. Ebenso befindet sich das Burggrafenamt klimatisch in einer bevorzugten Lage. Zwischen Meran und Bozen befinden sich des Weiteren einige Gewerbegebiete, wodurch das Burggrafenamt als günstig gelegener Wirtschaftsstandort hervorzuheben ist. Es ist zudem ein ideales Obstanbaugebiet und ist touristisch gut erschlossen. Meran als alte international bekannte Kurstadt zieht zahlreiche Menschen an.
Positiv entwickelt hat sich die sehr gute Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden. Die Bürgermeister verstehen sich untereinander sehr gut und man tauscht sich aus.
Als Schwäche würde ich die Verkehrserschließung zu den Seitentäler sehen. Es sind noch einige Hausaufgaben zu machen. Außerdem sind der knappe Grund und Boden zu nennen, um den die Hotellerie, die Landwirtschaft, das Handwerk und die Industrie konkurrieren. Das Burggrafenamt ist sehr schmal. Die Grundstückspreise gehen sehr weit nach oben.

BG online: Die Burggräfler Schützen und Marketenderinnen stehen mehrheitlich für ein unabhängiges Südtirol ein. Inwieweit würden Sie diese Bestrebungen als Vertreter des Südtiroler Volkes fördern, wobei die Schützen ja Teil des Volkes sind, welches Sie vertreten?

Die Schützen sind ein kleiner Teil des Volkes, aber kein unbedeutender Teil. Es heißt immer, dass Unabhängigkeitsbestrebungen innerhalb der Europäischen Union unrealistisch sind. Dass dem nicht so ist haben wir in Schottland, in Katalonien und vielen anderen Weltgegenden gesehen. Außerhalb von Europa gibt es sehr viele Bewegungen in diese Richtung.


Ich habe mich damals sehr gefreut, dass sich Montenegro von Serbien abgespaltet hat.


Ich selbst habe früher als Beobachter für die EU und die OSCE gearbeitet und war beim letzten, in Europa stattgefundenen, erfolgreichen Unabhängigkeits-referendum mit dabei. Hierbei habe ich jenes in Montenegro mit beobachtet. Ich habe mich damals sehr gefreut, dass sich Montenegro von Serbien abgespaltet hat. Wie man an diesem Beispiel sieht, scheint dieser Weg auch in Europa möglich zu sein.
Inwieweit solche Bestrebungen in der heutigen Zeit realistisch sind, weiß ich nicht. Man muss sich allerdings – und ich finde das sehr wichtig – diese Option immer offen halten. Dies soll für alle Parteien gelten. Wenn irgendwann die Notwendigkeit besteht, darf es nicht heißen, die Südtiroler hätten darauf verzichtet. Manche wollen ein solches Referendum früher, manche behalten sich diesen Weg als letzten Trumpf in der Hand.
Ich selbst bin für ein klares Ja, wenn irgendwann die Notwendigkeit besteht.

BG online: In Südtirol herrscht aber bereits eine brodelnde Situation. Man betrachte die wirtschaftliche Lage, die Schließung der Krankenhäuser, Italien mit seiner zweithöchsten Staatsschuldenquote in Europa…

Einverstanden. Die internationale Gemeinschaft wird allerdings nie ein Argument akzeptieren, das rein ökonomisch ist. Sie akzeptiert Argumente, wenn es darum geht, dass das Volk unterdrückt wird, die sprachliche Identität in Gefahr ist oder es zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen eine Volksgruppe kommt. Diese Notwendigkeit habe ich vorhin gemeint. Wenn wir in unserer sprachlichen, kulturellen Identität bedroht sind, dann müssen wir diesen Trumpf ausspielen.


Ich werde mich sicherlich nie als stolzen Italiener präsentieren.


Es ist mir bewusst, dass teilweise mit einem schleichenden Identitätsverlust argumentiert wird. Ich habe mich mit diesem Thema sehr intensiv auseinandergesetzt und weiß auch außerhalb von Südtirol, als was ich mich zu bezeichnen habe. Ich werde mich sicherlich nie als stolzen Italiener präsentieren. Ich weiß, dass wir eine österreichische Minderheit sind und ich weiß, wo uns im Zweifelsfall geholfen wird. Aus heutiger Sicht hilft uns niemand. Das weiß ich, weil ich lange genug für die verschiedenen Institutionen gearbeitet habe.


BG online: In Katalonien herrscht zum Teil eine vergleichbare Situation, wie hier in Südtirol. Auch dort ist von der Verfassung her vorgesehen, dass Abspaltungen nicht möglich seien. Dennoch gehen immer wieder Millionen von Menschen zur „Diada“, dem Nationalfeiertag der Katalanen, auf die Straße, um friedlich für die Unabhängigkeit zu demonstrieren. Im November 2014 wurde ein Referendum durchgeführt, an dem rund 2 Millionen Katalanen teilgenommen haben und sich mit großer Mehrheit für die Unabhängigkeit entschieden haben, obwohl auch in Katalonien keine gewaltsame Unterdrückung vorherrscht…

Das Volk ist im Prinzip der letzte Souverän, der entscheidet. Wenn die Mehrheit eines Volkes die Abspaltung will, dann ist das zu akzeptieren. Lange Beitrittsverhandlungen mit der EU würden nicht notwendig sein, da wir das EU-Recht bereits implementiert haben. Gegenargumente sind reine Schwarzmalerei. Wenn das Volk mehrheitlich die Unabhängigkeit will, dann hat man das hinzunehmen – staatliche Integrität hin oder her. Die Grenzen die wir in Europa haben sind sicherlich nicht gerecht.

BG online: Sie erwähnen in Ihren Ansprachen öfters die Wichtigkeit der Integration von Menschen anderer Kulturkreise in unsere Heimat. Wie hat sich die italienische Volksgruppe Ihrer Meinung nach in unser Land integriert?

Ich kann hier nur von Lana sprechen. Bei den Bürgerversammlungen für die gesamte Dorfgemeinschaft ist mir aufgefallen, dass sich die italienischsprachige Bevölkerung nicht beteiligt, daher habe ich eine Versammlungen eigens für die italienischsprachigen Bürger veranstaltet, an der relativ viele Leute teilnahmen.


…italienische Familien schicken ihre Kinder in die deutsche Schule , weil sie merken, ohne Deutsch geht es nicht mehr.


Es stellte sich heraus, dass die italienischen Mitbürger absolut zufrieden hier in Südtirol sind, denn viele haben den Blick Richtung Süden zu ihren Verwandten, wo eine sehr viel schlechtere Lebenssituation vorzufinden ist. Die Teilnehmer äußerten den Wunsch nach mehr Möglichkeiten im Dorf Hochdeutsch zu sprechen. Außerdem ist es ihnen ein Anliegen, dass die junge, italienischsprachige Bevölkerung mehr in die Lananer Vereine integriert wird, damit das Deutsche besser praktiziert werden kann. Dadurch dass die junge Generation ab der ersten Mittelschule in Meran zur Schule gehen muss, haben sie mehr Bezug zu den Meraner Vereinen und entfernen sich dadurch mehr von einer Integration in die Lananer Dorfbevölkerung.
Ich kann beobachten, dass immer mehr italienische Familien ihre Kinder in die deutsche Schule schicken, weil sie merken, ohne Deutsch geht es nicht mehr. Dieses Denken der 70er- und 80er-Jahre „siamo in Italia“ gibt es in Lana vielfach nicht mehr.
Die italienische Grundschule bei uns hat nun auch begonnen ab der ersten Klasse neun Stunden Deutschunterricht zu praktizieren. In Lana ist der Weg der Integration sicher ein positiver. Ich sehe jedoch, dass anderen Gemeinden bei weitem noch nicht soweit sind. Die Italiener ziehen sich immer mehr in die Ballungszentren zurück, wodurch vor allem dort am Thema Integration gearbeitet werden muss.

BG online: Sie bekommen die österreichische Staatsbürgerschaft angeboten. Nehmen Sie sie an?

Ich würde sogar zu Fuß nach Wien gehen, um mir den Pass abzuholen. Die doppelte Staatsbürgerschaft ist ein doppelter Schutz und ein Zeichen der Identität.

BG online: Haben Sie die neue Homepage des Schützenbezirkes Burggrafenamt–Passeier bereits kennengelernt?

Nein. Ich wusste bisher nicht, dass es eine gibt. Aber da ich es nun weiß, werde ich sie in nächster Zeit sicherlich besuchen.

BG online: Und was erwarten Sie sich dort zu finden?

Ich erwarte mir, dass ich Informationen entdecke, welche ich in anderen Medien nicht finde, z.B. Themen wie andere Minderheiten, Kooperationen von Minderheiten in Europa, Minderheitensituationen und deren Tendenzen, Gefahren für Minderheiten in Europa. Des Weiteren erwarte ich mir Fachartikel, welche in der Fachpresse erschienen sind und beispielsweise in Form einer Linkliste auf diese Homepage stellt.
Wenn irgendetwas kritisch über Lana geschrieben steht, erwarte ich mir, dass man auch dazu Stellung nehmen kann. Außerdem erwarte ich mir, dass man klare, kritische Meinungen lesen kann, sich allerdings nicht in die Tagespolitik einmischt, sondern die Linien mitgestaltet und als Korrektiv wirkt.

BG online: Die Gesellschaft entwickelt sich stetig. Wohin?

Es gibt ein gutes Buch von Peter Sloterdijk – „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“, welches ich gelesen habe. Er zeigt darin ein sehr pessimistisches Bild der Gesellschaft auf. Ich bin prinzipiell eher Optimist, bzw. Realist. Ich sehe, dass es einen Wertewandel gibt. Werte, die früher noch aktuell waren, wie Zusammengehörigkeitsgefühl, zur eigenen Gruppe zu stehen, werden immer mehr aufgelöst. Die Individualisierung nimmt immer stärker zu.


…das sind meine Werte und über diese diskutiere ich nicht!


Hier sind die Schützen gefragt, diese Identität und Wertegemeinschaft zu festigen. Wenn jeder Einzelne seine individuelle Ideologie und seine eigenen Werte lebt, werden wir als Gesellschaft nicht überleben können. Man braucht diesen Wertekanon als Basis. Ansonsten werden wir auch von außen her nicht ernst genommen.
Zuwanderer respektieren jemanden im Regelfall nur dann, wenn derjenige einen Standpunkt hat und wenn er Werte hat. Es gibt Menschen, die kommen aus anderen Weltgegenden und sich denken, wenn sie einen Schritt vor gehen und der andere einen Schritt zurück geht, dann gehen sie natürlich einen Schritt nach. Wenn diese aber einen Schritt vorgehen, muss ich einen Schritt entgegen gehen und sagen bis hierher, das sind meine Werte und über diese diskutiere ich nicht. Kreuze im Klassenzimmer, Prozessionen, usw. sind Dinge die nicht zu diskutieren sind. Sie gehören zu unseren Wertvorstellungen. Sollte die einheimische Bevölkerung mehrheitlich irgendwann selbst sagen, sie möchten das nicht mehr, dann ist das zu akzeptieren. Aber nicht im vorauseilenden Gehorsam unsere Werte aufgeben, nur weil es Änderungen innerhalb der Gesellschaft durch Zuwanderung gibt.

BG Online: Vielen Dank für das Gespräch!

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