Blickwinkel

“Südtirol ist nicht der Nabel der Welt”

INTERVIEW


mit Hochwürden Edmund Ungerer

2015 Pfarrer Dorf Tirol
Pfarrer Edmund Ungerer stellt sich vor: Ich wurde als Ältester von drei Söhnen des Johann und der Maria Ungerer am 25.10.1967 geboren. Der Vater war Tischler und ehrenamtlich leitete er zuerst den Kirchenchor und übernahm anschließend mit der Mutter die Mesnerei. Ich bin ein echter Laureiner. Meine Kindheit bis zum 10. Lebensjahr verbrachte ich in meiner Heimat Laurein am Nonsberg, wo ich die Grundschule besuchte. Anschließend kam ich in die Mittelschule „Albin Egger Lienz“ nach Bozen und wohnte dort im Freinademetzhaus, dem Schülerheim der Steyler Missionäre. Nach der Mittelschule wechselte ich nach Meran zum Besuch der Lehrerbildungsanstalt und wohnte im Gamperheim „Erzherzog Johann“. Nach der Matura war ich ein Jahr Heimerzieher im genannten Gamperheim und leistete den Zivildienst beim Roten Kreuz. 1990 ging ich ins Priesterseminar von Brixen und absolvierte an der Phil.-Theol. Hochschule das Theologiestudium, das ich in Brixen und Innsbruck 1994 abschloss. 1994/95 machte ich in Nals als Diakon das Pastoraljahr. Am 24. Juni 1995 wurde ich in Brixen zum Priester geweiht und am 02. Juli feierte ich in Laurein die Primiz. Von 1995-1998 war ich Kooperator in Toblach und Religionslehrer an der Lewit Innichen. Von 1998-2002 war ich Kooperator in Schlanders. Seit 2002 bin ich Pfarrer von Dorf Tirol. Seit 1998 bin ich auch Religionslehrer an der Landesberufsschule Schlanders und der Fachschule für Steinbearbeitung in Laas. Seit 2012 bin ich auch Schlosskaplan von Schloss Tirol. Zu meinen Hobbys gehören der Krippenbau, Arbeit mit Kunst, Malen, Reisen, die Auseinandersetzung mit Geschichte und die Begegnung mit jungen Menschen.

Burggrafenamt online: Sehr geehrter Herr Pfarrer, Sie engagieren sich im Dorf sehr stark für die Kinder und Jugendlichen und haben viele Ministranten in ihrer Pfarrkirche. Woher kommt Ihr großes Engagement für diese Arbeit?
Die Arbeit mit Menschen, besonders mit jungen Menschen fasziniert und begeistert mich generell, denn ich erlebe kontinuierlich in der Pfarrgemeinde und als Lehrer in der Schule, wie wunderbar besonders Kinder und Jugendliche durch ihre Offenheit, Unkompliziertheit, durch ihren sichtbaren Ausdruck der Freude und der Trauer, ihre Spontanität sind. Die lebensbejahende und sinnstiftende Wirkung der Botschaft Jesu kann den jungen Menschen positive Orientierung und Zuversicht geben – was sie in dieser teilweise allzu funktionalen Welt heute oftmals schmerzlich vermissen. Diese beiden Seiten, die Liebe zum jungen Menschen und zu Jesus sowie zum Menschen allgemein motivieren mich, auf Menschen offen zuzugehen und mich mit Freude und Hingabe meiner Pfarre, mit Vorliebe aber der Kinder und Jugendpastoral zu widmen.

“BG“: Gebürtig stammen Sie aus Laurein, fehlt Ihnen manchmal Ihre Heimat-gemeinde?
Ich liebe mein Heimatdorf Laurein sehr. Deshalb habe ich mich in meiner Studienzeit gründlich mit der Geschichte und Kirchengeschichte meines Heimatdorfes und meiner Heimatpfarrei Laurein am Nonsberg auseinandergesetzt. Ich habe darüber die Diplomarbeit geschrieben, habe über Jahre und Jahrzehnte Artikel, Dokumente, gedruckte und ungedruckte Quellen gesammelt und 1999 das Buch „Laurein auf dem Nonsberg-Kirche und Dorf im Werden, Ringen und Umbruch“ als erstes wissenschaftliches Geschichtswerk verfasst und veröffentlicht. Obwohl ich selten in meinem Heimatort bin, bin ich ihm dennoch sehr verbunden und verfolge die Geschicke des Ortes.

“BG“: Sie sind einer der jüngsten Pfarrer in Südtirol, wie kamen Sie zu dieser Berufung?
Verschiedene Lebenserfahrungen und Begegnungen haben die Priesterberufung geweckt und waren für diese Wahl mitentscheidend. Ich bin wenige 100 Meter neben der Pfarrkirche aufgewachsen. Der Vater war über 40 Jahre Chorleiter und anschließend waren beide Eltern fast 25 Jahre Pfarrmesner. Unzählige Instandhaltungsarbeiten an der Kirche verrichteten die Eltern ehrenamtlich.
Ich habe 8 Jahre ministriert, habe zum Mittelschulbesuch in Bozen im Schülerheim der Steylermissionare gewohnt und hatte somit in meiner Kindheit ein religiöses Umfeld, wo Kirche traditionell geprägt, aber positiv erlebt wurde. In der Oberschulzeit hat der damalige Regens des Meraner Gamperheims Hw. Willi Walther durch seine Art, wie er sein Priester- und Regenssein gelebt hat, ansprechend und beeindruckend gewirkt. Als der Gedanke, dass der Priesterberuf eine Lebensform sein könnte, sich immer stärker bemerkbar machte und das Verlangen, mein Leben nach der Botschaft Jesu auszurichten, immer spürbarer wurde, besuchte ich die Brixner Theologischen Kurse und gewann Einblick in die Theologie. Zugleich machte ich Zivildienst beim Roten Kreuz in Bozen und Meran und begegnete im Rettungswagen und in der Sanität dem leidenden und kranken Menschen.
Ich spürte, diese Menschen brauchen mich und brauchen mich als Werkzeug Jesu. Ich spürte eine innere Unruhe, die sich legte, als ich mich entschied, Priester zu werden. Vom ersten Tag bis heute hat mir der Priesterberuf trotz verschiedener Herausforderungen immer Freude gemacht. Nun sind 20 Jahre seit der Priesterweihe vergangen.

“BG“: In Ihrem Leben sind Sie bereits viel herumgekommen und haben aus einigen Staaten der USA kleine Gläser bei sich zu Hause stehen. Was fasziniert Sie am Reisen?
Mich fasziniert am Reisen die Begegnung mit anderen Menschen. Ich habe öfters am Weltjugendtag (Rom, Australien, Südamerika) teilgenommen, meinen Landsmann, den Missionar P. Luis Kerschbamer OAD auf den Philippinen, drei mal meine Verwandten in den verschiedenen Bundesstaaten der USA besucht, Bekannte, Freunde und Gäste besucht. Dabei habe ich die große Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Menschen anderer Länder und Kontinente erfahren.
Die Begegnung mit anderen Menschen schenkt mir Offenheit, hilft Vorurteile abzubauen, vermittelt einen religiösen und kulturellen Weitblick, erweitert die Lebens- und Glaubenserfahrung und zeigt, wie relativ die Dinge des Lebens oft sind. Ich freue mich immer bei der Begegnung mit neuen Menschen.

“BG“: Was würden Sie sich für Ihre Pfarrgemeinde und die Menschen hier in Südtirol wünschen?
Ich wünsche mir für die Pfarrgemeinde, dass es uns allen gelingen möge, Jesu Botschaft lebendig und zeugenhaft zu leben, dass Christsein in uns und der Dorfgemeinschaft jeden Tag lebendig spürbar ist. Dazu gehört ganz wesentlich, dass wir so miteinander umgehen, wie wir es uns persönlich auch von anderen wünschen.
Darüber hinaus, dass wir uns nichts einbilden und vormachen, denn Südtirol ist nicht der Nabel der Welt. Gerade die Reisen und die Begegnung mit Menschen aus aller Welt haben mich diesbezüglich Bescheidenheit gelehrt. Wir sollten unsere Identität bewahren, wohl aber offen auf andere Menschen zugehen und sie annehmen, wie sie sind. Und wir sollten alles Fremde nicht als Gefahr, sondern als Bereicherung empfinden. In dieser Hinsicht können wir Erwachsene gerade von Kindern und Jugendlichen einiges lernen.

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